Facetten der Gegenwartsliteratur: Historisierung von Körpern, Dingen und Diskursen in der deutschsprachigen und polnischen Literatur
Łódź, Pomorska 171/173, 90-236 Łódź
Facetten der Gegenwartsliteratur: Historisierung von Körpern, Dingen und Diskursen in der deutschsprachigen und polnischen Literatur
Lodz, 9.-10.10.2026
Die für 2026 geplante Tagung eröffnet das Projekt Facetten der Gegenwartsliteratur, das eine nachhaltige Plattform für den Austausch über aktuelle Tendenzen in der deutschsprachigen und polnischen Literatur schaffen soll. Im Mittelpunkt der Tagung steht das Stichwort Historisierung, das zu jenen Begriffen gehört, die sich aufgrund ihrer theoretischen Vielschichtigkeit und unterschiedlichen disziplinären Verwendungsweisen nicht auf eine einheitliche und zufriedenstellende Definition reduzieren lassen. Im Kontext dieser Tagung wird Historisierung als eine narratologische Strategie oder/ und eine im Sinne der Memory Studies verstandene erinnerungskulturelle Praxis aufgefasst - eine Kategorie also, die beschreibt, wie und zu welchem Zweck das Vergangene in der Literatur gespeichert, vermittelt oder inszeniert wird. So gesehen kann Historisierung z.B. in Anlehnung an Brecht, als eine Form der Verfremdungstechnik verstanden werden, die der Denaturalisierung des Vertrauten und somit der Distanzgewinnung dient. Es kann auch als eine Strategie zur Aufarbeitung der Vergangenheit verstanden werden, bei der die Beziehungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart in ihrem wechselseitigen Einfluss analysiert und reflektiert werden. Unter dem Stichwort der Historisierung werden also auch Strategien literarischer Erinnerung, Archivierung und Transformation erforscht, die auf die Nachwirkungen des 20. Jahrhunderts ebenso reagieren wie auf gegenwärtige gesellschaftliche, politische oder ökologische Herausforderungen (vgl.: Kolar 2012; Baumstark, Forkel 2016, Most 2001). Des Weiteren geht es darum zu klären, wie Diskurse, Körper und Dinge in literarischen Texten durch spezifische Gestaltungsmittel historisiert werden (im Sinne von New Materialism oder Thing Studies) und dadurch als Ergebnisse sozialer und kultureller Ordnungssysteme dargestellt werden. Im Zentrum des Interesses der bevorstehenden Tagung befinden sich Werke der deutschsprachigen und polnischen Literatur des 21. Jahrhunderts, welche nicht nur als isolierte Kunstwerke zu betrachten sind, sondern im Zusammenhang mit aktuellen Diskursen wie auch politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen analysiert werden sollten. Das theoretische Fundament bilden dabei unterschiedliche Ansätze, die Prozesse der Erinnerung, Authentisierung und Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart beleuchten. Dazu gehören Überlegungen zur historischen Authentizität (vgl. Sabres/Saupe 2016), Konzepte der kulturellen und medialen Erinnerung (vgl. Assmann 1999, 2006, 2013, 2020; Erll 2017) sowie Michael Rothbergs Ideen der multidirectionalmemory (vgl. Rothberg 2009) und des implicatedsubject (vgl. Rothberg 2019). Diese Perspektiven ermöglichen es, literarische Texte als Räume zu begreifen, in denen Erinnerungen zirkulieren, sich überlagern und neu konfiguriert werden.
Thematische Schwerpunkte:
Besonders willkommen sind Beiträge (aus Literatur-, Kultur- und Gedächtnisforschung), die danach fragen, wie Literatur:
• Körper, Dinge, Materialität und Objektkulturen als Träger historischer Erfahrung nutzt,
• kulturelle, politische und soziale Diskurse historisiert,
• Erinnerungs- und Geschichtsnarrative neu formt,
• mit kollektiven und individuellen Erinnerungen arbeitet,
• intergenerationale Traumata, Schuld und Verantwortung verhandelt,
• auf die schwierigen Kapitel des 20. Jahrhunderts reagiert (u. a. Nationalsozialismus, Kommunismus),
• Vergangenheits- und Gegenwartsdiskurse miteinander verknüpft
Wir begrüßen auch Beiträge zu verwandten Fragestellungen, sofern sie dem übergeordneten
Stichwort der Historisierung (im Sinne der Tagung) thematisch relevant bleiben.
Literatur (Auswahl):
Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. C.H. Beck: München 1999. u. A.
Barthes, Roland: »Der Diskurs der Geschichte« [1967], In: Ders.: Das Rauschen der Sprache. Suhrkamp: Frankfurt a. M. 2006, S. 149-163.
Baumstark, Moritz, Forkel, Robert (Hrsg.): Historisierung. Begriff - Geschichte - Praxisfelder: J. B. Metzler: Stuttgart 2016.
Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. J.B. Metzler: Stuttgart 2017.
Most, Gien W. (Hg.): Historicization - Historisierung (= Aporemata. Bd. 5). Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2001.
Erll, Astrid / Roggendorf, Simone: Kulturgeschichtliche Narratologie: Die Historisierung und Kontextaalisierang kultureller Narrative. In: Nünning, Ansgar / Nünning, Vera (Hrsg.): Neue
Ansätze in der Erzähltheorie. WVT: Trier 2002, S. 73-113.
Fröhlich, Melanie: Zeitkonzeptionen in Erzähltheorie und Kulturwissenschaft. Ein kritischer Vergleich. VDM Verlag: Saarbrücken 2008.
Kolar, Pavel: Historisierung. https://docupedia.de/zg/kolar_historisierung_v2_de_2012. Zugriff
am 11.12.2025.
Rothberg, Michael: Midtidirektionale Erinnerung. Die Erinnerung an den Holocaust im Zeitalter der Entkolonialisierung. Stanford University Press: Stanford 2009.
Rothberg, Michael: Das Implicated Subject. Beyond Victims and Perpetrators. Stanford University Press: Stanford 2019.
Sabrow, Martin, Saupe (Hg.), Achim: Historische Authentizität. Wallstein Verlag: Göttingen Scheffel, Michael / Weixler, Antonius / Werner, Lukas: Time. In: Peter Hühn u. a. (Hg.): Handbook of Narratology. Second edition, fully revised and expanded. De Gruyter: Berlin/Boston 2014, S. 868-886;
Weigel, Sigrid. Genea-Logik. Generation, Tradition und Evolution zwischen Kultur- und Naturwissenschaften. Wilhelm Fink Verlag: München 2006.
2016.
Organisatorisches:
1. Anmeldung und Abstract
Zur Anmeldung nutzen Sie bitte folgendes Formular: https://forms.office.eom/e/YP7N55YYPv
Auf Ihre Beitragsvorschläge (in deutscher Sprache) warten wir bis zum 22. Februar 2026
(Abstract im Umfang von max. 300 Wörtern samt einer Kurzbiografie im Umfang von max. 150
Wörtern).
Die Benachrichtigung über die Annahme des Beitrags erfolgt bis zum 10. März 2026.
2. Tagungsgebühr:
Tagungsgebühr beträgt 100 Euro (bzw. 450,00 PLN) und umfasst 2 Übernachtungen (mit
Frühstück) im Konferenzzentrum der Universität Łódź, Publikationskosten sowie Kaffeepausen
während der Tagung.
3. Tagungskomitee:
Ruhr-Universität Bochum, Seminar für Slavistik & Lotman-Institut:
Prof. Dr. Yvonne Pörzgen: Y vonne.Poerzgen@ruhr-uni-bochum.de
Universität Lodz, Institut für Germanistik:
Dr. Joanna Bednarska-Rydzewska: joanna.bednarska@uni.lodz.pl
Dr. Elżbieta Tomasi-Kapral: elzbieta.kapral@uni.lodz.pl
Justyna Braszka (M.A.)
